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"Man rebelliert eben immer"

So einfach und so klar dieser Satz klingt so vielschichtig und paradox ist er doch in seiner wesentlichen Art. Eigentlich kann nur ein Autor einen solchen Satz seinem Protagonisten in den Mund legen und damit die Komplexität der Welt auf so eine einfache wie zutreffende Formel bringen. Franz Kafka lässt den Gerichtsdiener diesen Satz zu Josef K. sagen.
Nicht einmal aus dem Gesamtzusammenhang des Werkes erschließt sich wogegen eigentlich rebelliert wird. Das System als solches oder blank vorgetragene Gesellschaftskritik? Erstaunlich ist die, wie beiläufig formulierte, Kennzeichnung des Satzes ins Allgemeine. Wenn damit ein Allerweltsgedanke ausgedrückt werden soll, kann sich die Rebellion nur gegen die Realität richten. Denn nur die sie ist es, die immer da und somit angreifbar ist. Auch der temporale Aspekt der immerwährenden Rebellion ist komplex. Denn Rebellion ist im allgemeinen eher zielgerichtet und wenn das Ziel erreicht, der König geköpft ist, versinkt sie, wie sie entsprungen ist um sich gegebenenfalls neu zu formieren. Andauernde Rebellion, die mehr unterschwellig und wie selbstverständlich läuft mehr aus Gewohnheit als zielgerichtet. Verblendung der Realität und Nichtakzeptanz sind Bereiche die so aufwändig und zeitintensiv sind, wohingegen Akzeptanz und Aufgabe altgedienter Traditionen noch teurer aufwiegen. Der Staub von Generationen wird so wohl noch länger liegen.

1 Kommentar 5.11.07 11:41, kommentieren

Nachgesehnt

Vor einigen Tagen ist einer meiner Nachbarn gestorben. Er kam morgens heim und lag vor der Treppe, blau, eine Hand ausgestreckt zum Stahlgeländer war er gestorben, ohne dass seine Tochter, die nur Meter entfernt schlief etwas mitbekommen hätte.
Der Anblick der Treppe löst bei mir die Frage aus, ob ich auch eines Tages unbemerkt sterben der ob jemand an meinem Bett sitzen würde. Und ob dieser jemand, wenn es ihn gäbe, versuchen würde über meinen Tod zu sprechen und ob ich wegen dieses Versuchs dankbar sein oder nur aus Höflichkeit antworten werde. Und ob diese Person, falls ich mit ihr spreche, wird erkennen können, dass ich nur aus Todeshöflichkeit spreche, was mir von heute aus gesehen als einzige Möglichkeit des Sterbens und des Sprechens erscheint.

3.11.07 12:52, kommentieren

Ziehen wir uns nicht morgens an, um uns abends wieder auszuziehen?

Natürlich machen wir eine Menge mehr. Das Anziehen morgens und das Ausziehen abends sind nur äußere Fixpunkte eines Rahmens. Der Satz blendet unsere Hauptbeschäftigungen kühn aus und hebt statt dessen ein bloß rituelles Moment des Alltags hervor. Diese Verschiebung macht den Satz literarisch interessant. Eine Belanglosigkeit erscheint plötzlich bedeutsam und es heißt uns neue Fragen zu stellen. Zum Beispiel, ob das tägliche An- und Ausziehen außer banal nichts anderes ist oder, strenger noch, ob es Banalität überhaupt gibt. Kann es nicht sein, dass es nur darauf ankommt, wie lang und mit welchen Ideen wir angeblich banale Gegenstände und Vorgänge anschauen - und schon ist Banalität kein Thema mehr?
Der Fundamentalismus dieses Satzes weist unmittelbar in die Moderne. Es könnte Josef K. sein, aber auch Molloy oder Abschaffel, der sich mit solchen scheinbar abgründigen Problemen beschäftigt. Erstaunlicherweise ist der Satz keineswegs eiem modernen Roman entnommen. Ich fand ihn in Goethes Wahlverwandtschaften. Ausgrerechnet Goethe, dem in Leben und Werk sinnhaft gestaltete Biografie eine großer Wert war hat in einem seiner vermutlich besten Bücher einen Satz versteckt, durch den gleichsam der Blick unserer Spätzeit in den Roman hineinreicht - und diesen zu einem auch modernen Buch macht. Denn der Satz lässt durchblicken, dass auch die vor Vergeudung und Vergeblichkeit weithin geschützte Biografie nicht frei davon ist, dann und wann als blödes Einerlei zu erscheinen, dessen Absurdität nicht zu bändigen, sondern nur zu ertragen ist. Für derlei ungemütliche, weil "moderne" Gesichtspunkte gab es in der Goethezeit freilich wenig Muße.
Heute erscheint der Satz als hellsichtiger Fremdling, von dessen Signifikanz selbst der Verfasser nicht geahnt haben dürfte.

1 Kommentar 3.11.07 02:12, kommentieren

Lächerlichkeit

Ich überlege, ob lächerlichkeit aus beginnender selbstvernachlässigung hervorgeht? und die vernachlässigung aus langsam anwachsendem überdruss? und wo kommt der überdruss her? ich gebe das denken auf. und doch fällt mir eine unterscheidung auf, die ich für brauchbar halte. ich trenne außenlächerlichkeit (wenn andre über mich lachen) von der innenlächerlichkeit (wenn nur ich über mich lache). mit der innenlächerlichkeit lerne ich gerade umzugehen, mit der außenlächerlichkeit kann ich es nicht. und schon versuche ich wieder zu denken und zu hoffen. wie schön das leben wäre, wenn es nur innenlächerlichkeit gäbe! dann gäbe es nur ein allgemeines inneres gelächter, das auf alle menschen gleichmäßig verteilt wäre und das deswegen niemanden kränken könnte.
und es wäre erlaubt und möglich, sich mit jedermann ohne jede vorerkundigung über lächerlichkeit auszutauschen, ja es wäre sogar möglich lächerlichkeit nach motiven zu untersuchen und die momente ihrer erfahrbarkeit zu ordnen. und es wäre sogar denkbar, die erscheinungen des alltags (das arbeiten, das reden, das lieben, das essen, das wohnen) sofort und unmittelbar lächerlich finden, ohne ein halbes leben lang darauf warten zu müssen, bis sich all diese regungen durch sich selbst blamiert hatten. welch ein herrliches, endgültiges freies leben.
augenblicksweise gerate ich in ein inneres schwärmen und vergesse, dass ich doch nur denke. erst der anblick eines schuhes auf dem garagendach gegenüber holt mich in die unbeweglichkeit des wirklichen zurück, dass ich voll unangenehmer routine anerkannte. das heißt, ich beschließe, über die lächerlichkeit vorerst zu schweigen und mich zu bemühen, sie nicht nach außen treten, sie für andere nicht kenntlich werden zu lassen.

5.8.07 20:46, kommentieren

"Das Sich-Unterscheiden von anderen muss von diesen anerkannt sein"

Wenn dieser Satz vin Jürgen Habermas wahr ist, dann muss mein Freund M. aufhören Gedichte zu schreiben, weil schon seine Freundin sie nicht versteht. Ich muss, weil ich meinesgleichen liebe, der Verurteilung durch die Gesellschaft zustimmen. Und irgendeine Frau F. muss ihrer Kündigung zustimmen, die ihr giftfrünes Haar ausgelöst hat.

Das sind nur drei Beispiele aus einer wenig attraktiven Realität, die sich gleichwohl auf den oben zitierten Satz berufen könnten. Ich würde den Satz gerne ein wenig umbauen. Vielleicht so: Das Sich-Unterscheiden von anderen ist für diese anderen ohne Belang. Denn im Sich-Unterscheiden liegt eine bedeutsame Quelle von Individuation, die ihr Ziel verfehlt und verfehlen muss, wenn sie den Horizont der anderen nicht überschreiten darf. Es kommt kaum mehr als eine Leideform von Subjektivität dabei heraus, wenn diese sich legitimierend auf andere beziehen muss, ehe sie gelten darf. Individualität bleibt in ihren Anfängen stecken, wenn sie von den anderen gebilligt werden muss. Der wichtigete Teil von Subjektivität beginnt, wenn wir anderen nicht mehr in allen Einzelheiten gleichen wollen, mit einem Wort: Er beginnt mit Abweichungen. Erstaunlich ist, dass ein liberaler Denker wie Jürgen Habermas, der Uniformierung politisch nicht will, sie mit diesem Satz dennoch billigt. Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel haben immer betont, dass die von ihnen propagierte Diskursethik keine inhaltlichen, sondern nur Verfahrensfragen regelt. Die Diskusethik gibt uns Methoden an die Hand, gesellschaftlich gültige Normen auf ihre Begründbarkeit hin zu prüfen und sie argumentativ zu verwerfen, falls sie nicht "von allen Betroffenen zwanglos akzeptiert werden" können. Der Satz hält diesem zurückhaltenden Programm nicht stand.

1 Kommentar 3.6.07 10:07, kommentieren