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"Das Sich-Unterscheiden von anderen muss von diesen anerkannt sein"

Wenn dieser Satz vin Jürgen Habermas wahr ist, dann muss mein Freund M. aufhören Gedichte zu schreiben, weil schon seine Freundin sie nicht versteht. Ich muss, weil ich meinesgleichen liebe, der Verurteilung durch die Gesellschaft zustimmen. Und irgendeine Frau F. muss ihrer Kündigung zustimmen, die ihr giftfrünes Haar ausgelöst hat.

Das sind nur drei Beispiele aus einer wenig attraktiven Realität, die sich gleichwohl auf den oben zitierten Satz berufen könnten. Ich würde den Satz gerne ein wenig umbauen. Vielleicht so: Das Sich-Unterscheiden von anderen ist für diese anderen ohne Belang. Denn im Sich-Unterscheiden liegt eine bedeutsame Quelle von Individuation, die ihr Ziel verfehlt und verfehlen muss, wenn sie den Horizont der anderen nicht überschreiten darf. Es kommt kaum mehr als eine Leideform von Subjektivität dabei heraus, wenn diese sich legitimierend auf andere beziehen muss, ehe sie gelten darf. Individualität bleibt in ihren Anfängen stecken, wenn sie von den anderen gebilligt werden muss. Der wichtigete Teil von Subjektivität beginnt, wenn wir anderen nicht mehr in allen Einzelheiten gleichen wollen, mit einem Wort: Er beginnt mit Abweichungen. Erstaunlich ist, dass ein liberaler Denker wie Jürgen Habermas, der Uniformierung politisch nicht will, sie mit diesem Satz dennoch billigt. Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel haben immer betont, dass die von ihnen propagierte Diskursethik keine inhaltlichen, sondern nur Verfahrensfragen regelt. Die Diskusethik gibt uns Methoden an die Hand, gesellschaftlich gültige Normen auf ihre Begründbarkeit hin zu prüfen und sie argumentativ zu verwerfen, falls sie nicht "von allen Betroffenen zwanglos akzeptiert werden" können. Der Satz hält diesem zurückhaltenden Programm nicht stand.

1 Kommentar 3.6.07 10:07, kommentieren