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Ziehen wir uns nicht morgens an, um uns abends wieder auszuziehen?

Natürlich machen wir eine Menge mehr. Das Anziehen morgens und das Ausziehen abends sind nur äußere Fixpunkte eines Rahmens. Der Satz blendet unsere Hauptbeschäftigungen kühn aus und hebt statt dessen ein bloß rituelles Moment des Alltags hervor. Diese Verschiebung macht den Satz literarisch interessant. Eine Belanglosigkeit erscheint plötzlich bedeutsam und es heißt uns neue Fragen zu stellen. Zum Beispiel, ob das tägliche An- und Ausziehen außer banal nichts anderes ist oder, strenger noch, ob es Banalität überhaupt gibt. Kann es nicht sein, dass es nur darauf ankommt, wie lang und mit welchen Ideen wir angeblich banale Gegenstände und Vorgänge anschauen - und schon ist Banalität kein Thema mehr?
Der Fundamentalismus dieses Satzes weist unmittelbar in die Moderne. Es könnte Josef K. sein, aber auch Molloy oder Abschaffel, der sich mit solchen scheinbar abgründigen Problemen beschäftigt. Erstaunlicherweise ist der Satz keineswegs eiem modernen Roman entnommen. Ich fand ihn in Goethes Wahlverwandtschaften. Ausgrerechnet Goethe, dem in Leben und Werk sinnhaft gestaltete Biografie eine großer Wert war hat in einem seiner vermutlich besten Bücher einen Satz versteckt, durch den gleichsam der Blick unserer Spätzeit in den Roman hineinreicht - und diesen zu einem auch modernen Buch macht. Denn der Satz lässt durchblicken, dass auch die vor Vergeudung und Vergeblichkeit weithin geschützte Biografie nicht frei davon ist, dann und wann als blödes Einerlei zu erscheinen, dessen Absurdität nicht zu bändigen, sondern nur zu ertragen ist. Für derlei ungemütliche, weil "moderne" Gesichtspunkte gab es in der Goethezeit freilich wenig Muße.
Heute erscheint der Satz als hellsichtiger Fremdling, von dessen Signifikanz selbst der Verfasser nicht geahnt haben dürfte.

1 Kommentar 3.11.07 02:12, kommentieren

Nachgesehnt

Vor einigen Tagen ist einer meiner Nachbarn gestorben. Er kam morgens heim und lag vor der Treppe, blau, eine Hand ausgestreckt zum Stahlgeländer war er gestorben, ohne dass seine Tochter, die nur Meter entfernt schlief etwas mitbekommen hätte.
Der Anblick der Treppe löst bei mir die Frage aus, ob ich auch eines Tages unbemerkt sterben der ob jemand an meinem Bett sitzen würde. Und ob dieser jemand, wenn es ihn gäbe, versuchen würde über meinen Tod zu sprechen und ob ich wegen dieses Versuchs dankbar sein oder nur aus Höflichkeit antworten werde. Und ob diese Person, falls ich mit ihr spreche, wird erkennen können, dass ich nur aus Todeshöflichkeit spreche, was mir von heute aus gesehen als einzige Möglichkeit des Sterbens und des Sprechens erscheint.

3.11.07 12:52, kommentieren

"Man rebelliert eben immer"

So einfach und so klar dieser Satz klingt so vielschichtig und paradox ist er doch in seiner wesentlichen Art. Eigentlich kann nur ein Autor einen solchen Satz seinem Protagonisten in den Mund legen und damit die Komplexität der Welt auf so eine einfache wie zutreffende Formel bringen. Franz Kafka lässt den Gerichtsdiener diesen Satz zu Josef K. sagen.
Nicht einmal aus dem Gesamtzusammenhang des Werkes erschließt sich wogegen eigentlich rebelliert wird. Das System als solches oder blank vorgetragene Gesellschaftskritik? Erstaunlich ist die, wie beiläufig formulierte, Kennzeichnung des Satzes ins Allgemeine. Wenn damit ein Allerweltsgedanke ausgedrückt werden soll, kann sich die Rebellion nur gegen die Realität richten. Denn nur die sie ist es, die immer da und somit angreifbar ist. Auch der temporale Aspekt der immerwährenden Rebellion ist komplex. Denn Rebellion ist im allgemeinen eher zielgerichtet und wenn das Ziel erreicht, der König geköpft ist, versinkt sie, wie sie entsprungen ist um sich gegebenenfalls neu zu formieren. Andauernde Rebellion, die mehr unterschwellig und wie selbstverständlich läuft mehr aus Gewohnheit als zielgerichtet. Verblendung der Realität und Nichtakzeptanz sind Bereiche die so aufwändig und zeitintensiv sind, wohingegen Akzeptanz und Aufgabe altgedienter Traditionen noch teurer aufwiegen. Der Staub von Generationen wird so wohl noch länger liegen.

1 Kommentar 5.11.07 11:41, kommentieren