das freizeichen

Ziehen wir uns nicht morgens an, um uns abends wieder auszuziehen?

Natürlich machen wir eine Menge mehr. Das Anziehen morgens und das Ausziehen abends sind nur äußere Fixpunkte eines Rahmens. Der Satz blendet unsere Hauptbeschäftigungen kühn aus und hebt statt dessen ein bloß rituelles Moment des Alltags hervor. Diese Verschiebung macht den Satz literarisch interessant. Eine Belanglosigkeit erscheint plötzlich bedeutsam und es heißt uns neue Fragen zu stellen. Zum Beispiel, ob das tägliche An- und Ausziehen außer banal nichts anderes ist oder, strenger noch, ob es Banalität überhaupt gibt. Kann es nicht sein, dass es nur darauf ankommt, wie lang und mit welchen Ideen wir angeblich banale Gegenstände und Vorgänge anschauen - und schon ist Banalität kein Thema mehr?
Der Fundamentalismus dieses Satzes weist unmittelbar in die Moderne. Es könnte Josef K. sein, aber auch Molloy oder Abschaffel, der sich mit solchen scheinbar abgründigen Problemen beschäftigt. Erstaunlicherweise ist der Satz keineswegs eiem modernen Roman entnommen. Ich fand ihn in Goethes Wahlverwandtschaften. Ausgrerechnet Goethe, dem in Leben und Werk sinnhaft gestaltete Biografie eine großer Wert war hat in einem seiner vermutlich besten Bücher einen Satz versteckt, durch den gleichsam der Blick unserer Spätzeit in den Roman hineinreicht - und diesen zu einem auch modernen Buch macht. Denn der Satz lässt durchblicken, dass auch die vor Vergeudung und Vergeblichkeit weithin geschützte Biografie nicht frei davon ist, dann und wann als blödes Einerlei zu erscheinen, dessen Absurdität nicht zu bändigen, sondern nur zu ertragen ist. Für derlei ungemütliche, weil "moderne" Gesichtspunkte gab es in der Goethezeit freilich wenig Muße.
Heute erscheint der Satz als hellsichtiger Fremdling, von dessen Signifikanz selbst der Verfasser nicht geahnt haben dürfte.

3.11.07 02:12

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